Hier nun Teil 2 der Interviews mit Timo Schneider, Leiter eCommerce bei 1-2-3.tv. Hier geht´s um das Liveshopping-Angebot Jaahh und um einen kurzen Ausblick auf 2009.
Mit Jaahh hat 1-2-3.tv ein eigenes Liveshopping-Angebot. Wie zufrieden ist man bei Ihnen im Haus damit? Wie sieht´s mit nem Online-Shopping-Club aus? Spezielle Auktionen nur für Mitglieder?
Jaahh, ja, ja. Ein 2-schneidiges Thema. Ich wollte ja eigentlich schon vorschlagen, ein internes „Tipp System“ einzuführen, wo wir intern Wetten abschließen können, welches Produkt sich verkauft und welches nicht. Prinzipiell ist es im Hinblick auf Planungssicherheit nahezu unberechenbar, was es deswegen manchmal umso spannender macht. Sicher gilt die alte These „ein Flatscreen mit 42Zoll und Full-HD für 300 Euro ist zu jeder beliebigen Menge in 2h ausverkauft“.
Wir haben es hier meiner Ansicht nach mit extrem selektiven Kunden zu tun – daraus folgt meistens auch, dass diese extrem schwer zu binden sind. Ich glaube nicht, dass man es als „Neukundengewinnungsmaßnahme“ betrachten sollte. Viele der Kunden lassen sich wahrscheinlich auch nicht mehr von dem überzeugen was „Woot!“ hier als Quasi-Erfinder vorlebt: den Aufbau einer echten Fan-Gemeinschaft, die sozusagen bei jedem neuen Angebot pünktlich um 12Uhr nachts in der Startlöchern steht – viele informieren sich sicher morgens im Büro über eine der vielen Aggregator-Pages oder sogar nur über Widgets, die den RSS-Feed aller Live-Shopping-Angebote abgreift und darstellt, und kommen ohne prinzipielles Produkt und Preisinteresse noch nicht einmal mehr auf die einzelnen Sites.
Ich ganz persönlich habe ein Widget auf meiner igoogle-Startseite eingebunden und dort steht es neben Spiegel-Online. Wenn ich also mit meinem ersten Büro-Kaffee an meinem Schreibtisch sitze, überfliege ich die Angebote, wie die neusten News von Spiegel-Online – und wenn nichts interessantes dabei ist, werde ich auch nicht auf die Seite gehen – genauso wenig, wie ich auf Spiegel Online gehe, wenn dort keine interessante News steht…und in letzter Zeit ist ja jede zweite Schlagzeile von Spiegel Online die Heraufbeschwörung der Wirtschafts-Apokalypse…
Im Zusammenhang mit dem Aufwand und den notwendigen Voraussetzungen sollte sich jeder, der ausschließlich von diesem Geschäftsmodell Leben will den Abschlußbrief von Sven Kaulfuß von cyberbloc durchlesen, der sehr plastisch darstellt, wo die Herausforderungen liegen (bzw. lagen). In diesem Zusammenhang Respekt an cyberport.de für die offene Kommunikation in diesem Thema.
Unabhängig davon stellt sich für ein Unternehmen wie 1-2-3.tv generell die Frage, wie „zeitgemäß“ im wahrsten Sinne des Wortes ein Live-Shopping-Angebot tatsächlich ist. Wir verkaufen eine festgelegte Anzahl von Produkten mit einem fallenden Preis in einem Zeitabschnitt von Minuten und das ganze dauernd – welche „Revolution“ stellt da ein Angebot mit festgelegter Menge, festgelegtem Preis und einer Laufzeit von 24h dar ?
Wir können damit wohl kaum eine „Dynamik und Aktualität“ suggerieren wie eine Quelle.de – deren Nutzer auch nur alle paar Monate vorbeischauen: wir sind von unserem Grundprinzip und Geschäftsmodell schon der dynamischste Versender Deutschlands!
Das Thema „Shopping-Club“ wird für uns ebenfalls nicht die Priorität haben. Es ist ein sehr eigenständiges Geschäftsmodell, das man wahrscheinlich nur ganz oder gar nicht betreiben kann. Ich will deswegen nicht den einen oder anderen Ansatz mit bevorzugten Aktionen für spezielle Nutzerkreise ausschließen, aber als Kernelement unseres Geschäftsmodells kommt es eher nicht in Frage. Es erfordert andere Strukturen, andere Lieferanten und eigentlich habe ich nie so ganz den Sinn darin gesehen, eine Nutzergruppe, die aktiv Nachfrage erzeugen will, zu beschränken.
Was können wir in diesem Jahr noch von 1-2-3.tv erwarten?
Diese Liste wird sicher sehr lang – nur werden wir nicht alles verraten.
Wir wollen den Vertriebskanal E-Commerce als eigenständigen Kanal emanzipieren. Eine unserer Maßnahmen wird sicherlich sein, die Logik des dynamischen Preismodells aufs Web auszuweiten. Wie genau dass passieren wird, befindet sich derzeit noch in der Konzeption – aber keine Angst, sicher nicht ein nachgebautes ebay.
Einen Aspekt, den wir gerne deutlich mehr in den Vordergrund stellen wollen ist dabei der Wunsch des Kunden: „Was möchte er denn zu welchem Zeitpunkt in einer Auktion sehen ?“
In diesem Zusammenhang verweise ich gerne auf das Prinzip der „edge economy“, wie sie Leute wie Umair Haque propagieren – leider schreibt er immer seltener auf seinem Blog, seine Theorien der geänderten „Wertschöpfungsketten“ sind aber ein echter Lese-Tipp. Und hier überlegen wir uns auch unter Berücksichtigung solcher Prinzipien, wie wir durch Interaktion mit Usern Angebot und Nachfrage deutlich reibungsloser und verlustfreier synchronisieren können.
Dazu kommt eine generelle Überarbeitung der WebSite – von Navigations- und Usability-Themen bis hin zu Angebots-Strukturen, Produktbündelungen mit Themenbezug und On-Site-Promotions. Was für uns eine Menge Testing, eine Menge Prozessoptimierung bedeutet.
Eine weitere Baustelle, welche die User nur bedingt erkennen, ist die Optimierung des Online-Marketings – hier wollen wir auf deutlich effektivere KPIs optimieren und nicht Maßnahmen nach deren reinen ad-hoc-Umsatzpotential steuern. Und ein Tipp für Dienstleister – die nächste SEM-Agentur, die mir vorschlägt den eigenen Firmennamen als AdWord zu buchen, ob der hohen Conversion Rates, verweise ich dezent an die Ausgangstür.
Als echter Multi-Channel-Versender wird auch eine unserer Aufgaben sein, die Maßnahmen der Kanäle konsequenter zu synchronisieren – was der Kunde im TV sieht, muss er im Web wiedererkennen – die Sprache in Bild und Ton muss unverkennbar die gleiche sein.
Das ganze wollen wir natürlich ausführlich begleiten – sei es auf dem Blog oder On-Air.
Wir haben uns eine Menge vorgenommen und werden sicher mit der einen oder anderen Überraschung für unsere Kunden aufwarten – wenn es dann auch noch eine Überraschung für unsere Mit-Sender ist, hätten wir eigentlich alles richtig gemacht ;-)
Vielen Dank für das ausführliche Interview.